Bombay, Indiens Tor zum Westen, hat sich neu erfunden und in Mumbai verwandelt. In eine moderne, selbstbewusste Handelsmetropole. In einen Magneten für die Hoffnungen von Arm und Reich. Stadtgrenzen und Einwohnerzahl lassen sich nur noch schätzen, bald dürfte die 20-Millionen-Schwelle überschritten sein. Schon jetzt ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung gezwungen in Slums zu leben, in den Zwischenräumen der offiziellen Stadt..

Der grösste dieser Slums heisst Dharavi. Mit seinen rund achthunderttausend Einwohnern ist es der am dichtesten besiedelten Flecken der Erde. Früher lag Dharavi weit vor den Toren der Stadt, heute befindet es sich im Herzen einer rund herum wuchernden Metropole, flankiert von Verkehrsadern und in direkter Nachbarschaft zu Mumbais neuem Finanzdistrikt. Das ehemalige Sumpfgelände hat sich in lukrativen Baugrund verwandelt - Nährboden für ehrgeizige urbanistische Visionen..

Vor zehn Jahren ist der in den USA ausgebildete Architekt Mukesh Mehta nach Mumbai zurückgekehrt, um eine radikale Wende in der Slumsanierungspolitik seiner Heimatstadt einzuläuten. "Public Private Partnership" heisst die Formel, mit der er Milliardengewinne verspricht, falls eine Kahlschlagsanierung Dharavis in die Hände privater Unternehmen gelegt wird. Die Regierung ist überzeugt von seinen Argumenten..

Hunderttausenden von Slumbewohnern aber droht die Vetreibung.

Der Bund 4. Februar 2010
In seinem Dokumentarfilm nimmt Regisseur Lutz Konermann den neoliberalen Ehrgeiz eines Stadtplaners unter die Lupe, der private Investoren mit dem Bau von Sozialwohnungen betrauen will, um die Menschen des Slums Dharavi in Mumbai aus ihrer unwürdigen Existenz zu erlösen. Das ist zwangsläufig ein Film der scharfen sozialen Kontraste. Konermann pendelt zwischen der Lebenswelt im Slum und den Büros des Herrn Mehta, der mit verkehrten Mitteln das Gute will. Die Agenda des Films ist klar: Der Regisseur will Dharavi als Lehrstück über falsch verstandene Aufwertungspolitik am untersten Rand der Gesellschaft vorführen. Die Quartiere der Unterprivilegierten, so Konermann, dürfe man nicht über ihre Köpfe hinweg sanieren. Am Ende des Films werden die Pläne, den Slum zu überbauen, auf demokratischem Weg vorübergehend gestoppt. Konermann feiert das als temporären Erfolg der Selbstbestimmung, aber das heisst keineswegs, dass damit auch die Hoffnung auf ein besseres Leben leichtfertig begraben wäre. Die Frage bleibt: Wie könnte ein solches Leben aussehen? «Dharavi» bleibt auch deshalb im Gedächtnis haften, weil der Film uns zumutet, solche scheinbar ausweglosen Ambivalenzen auszuhalten. (flo)