Jede Minute eine Kostbarkeit!
Der Irak, ein Filmland? Das würde man kaum sagen, denn man weiss: Das Land hat schwere Zeiten hinter sich und diese alles andere als überwunden. Umso erstaunlicher wirkt der kleine Film Kick Off aus dem nördlichen Kirkuk, der Hauptstadt der kurdischen Bevölkerung. Der Kurde Shawkat Amin Korki, der bereits mit seinem Erstling Crossing the Dust Aufsehen erregt hat, inszeniert in einem ausgedienten Fussballstadion ein Stück Gegenwart, in dem die Realität Komödie spielt und die Menschen auf eine Zukunft warten, die vielleicht einmal kommt und vielleicht auch nie. Die Gegenwart ist alles, was sie haben, jede Minute eine Preziose, denn schon die nächste kann die letzte sein. Das gilt ja eigentlich überall auf der Welt
und für alles Leben, aber hier und in diesem Stadion, das zum Lebensraum einer bunten Menschengruppe geworden ist, ganz besonders intensiv und verrückt. Der Film Kick Off hatte seine Premiere im reichen südkoreanischen Pusan, einer Millionenstadt mit einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt und Shopping-Malls als Veranstaltungsorten. Gerade in diesem konsumorientierten Umfeld packte die mit spärlichsten Mitteln äusserst subtil erzählte Geschichte, weil ihr Autor uns nichts vormacht. Korki hat sich für Schwarzweiss als Hauptfarbe entschieden und darin einzelne Tupfer eingebaut,
die mit zum Charme seiner stillen Komödie gehören und zum Spiel, das er sich erlaubt. Es ist, als würde er uns bedeuten: Verliert nur zwei Dinge nie im Leben: Die Liebe und den Humor. Auch wenn alles zum Verzweifeln ist.
Walter Ruggle

In den Ruinen eines alten Fußballstadions in Kirkuk, Irak, leben viele Flüchtlinge.
Aso lebt dort mit seinem jüngeren Bruder, der wegen einer Landmiene ein Bein verloren hat, in einer provisorischen Unterkunft. Nebenan wohnt Hilin, ein junges und hübsches Mädchen. Die beiden scheinen sich zu lieben, können aber ihre Gefühle zueinander nicht ausdrücken.

Einzig beim Fußballspielen kommt Hoffnung auf und lässt die Kinder ihre Angst vor den Bomben und der Armut für kurze Zeit vergessen. Aso bringt die arabischen, kurdischen, turkmenischen und assyrischen Jungs zu einem Fußballturnier zusammen. Obwohl sie verschiedenen Ethnien angehören, lernen diese Kinder einander als gleichwertige Menschen zu akzeptieren.

Ein zutiefst bewegender, menschlicher und poetischer Film, der die äußerst schwierigen Lebensbedingungen im multiethnischen Irak von heute eindrücklich zum Ausdruck bringt.

Der 1973 in Zakho, im Kurdengebiet des Irak, geborene Shawkat Amin Korki flüchtete 1975 mit seiner Familie aus Furcht vor den Repressionen der irakischen Armee in den Iran und lebte dort bis 1999. Sowohl im iranischen als auch im irakischen Kurdistan arbeitete er beim Theater, Fernsehen und Kino. Von seinen Kurzfilmen, die an etlichen Filmfestivals teilnahmen, wurden einige ausgezeichnet. 2002 organisierte er das erste Kurzfilmfestival in kurdischem Gebiet. Kick off wurde beim Pusan International Filmfestival (Korea) 2009 als Bester Film ausgezeichnet, erhielt den Fipresci Preis und lief auf dem Dubai International Film Festival 2009 (lobende Erwähnung) und dem Sulaimaniya Kurdish Film Festival 2009 (Irak).