Seit der Vater ausgezogen ist, macht die 15-jährige Charlotte (Laura Greenwood) ihrer Mutter Miriam (Rachael Blake) das Leben so schwer wie nur möglich. Nicht nur rebelliert sie gegen alle und alles, sie versteckt auch einen Mann hinter den weissen Lamellen ihres Kleiderschrankes. Als Paul (Ervin Nagy) sich entscheidet, aktiv in das Leben der beiden Frauen zu treten und zugleich die attraktive Miriam zu verführen, kommt eine Dynamik in Gang, die die zunächst etwas harmlose Teenagergeschichte in einen Thriller um Manipulation und Paranoia verdreht. (NZZ 22.Juli 2010)




29.Juli 2010

TIEFE STICHELEIEN
"Pinprick" von Daniel Young

Dem in Zürich lebenden Daniel Young ist mit seinem Regiedebüt "Pinprick" ein packender
Thriller gelungen, der die gängigen Genre-plattitüden gekonnt umschifft.

Beim Kräftemessen zwischen alleinerziehender Mutter und halbwüchsiger Tochter bleiben nur
Schwerverletzte zurück. In der eröffnenden Szene tauschen die zwei so unnachgiebig
Sticheleien aus, als sässen sie nicht im Auto, sondern auf einem Nadelkissen. Mutter Miriam (Rachel Blake) flüchtet sich in ihre Arbeit, Tochter Charlotte (Laura Greenwood) in ihre
Fantasiewelt, in der sie einen nackten Verbrecher im Schrank versteckt hält. Ein ganz
normaler Familienzwist also - wäre Charlottes Traummann Reyer bloss eine Einbildung.

Unterkühlt

Ist er aber nicht. Bald taucht Reyer im Leben der Mutter auf, zuerst als einfühlsamer Verführer,
dann als feuriger Liebhaber, schliesslich als Furcht einflössender Psychopath. Der Ungar Ervin
Nagy spielt die unterschiedlichen Facetten seiner Figur dabei mit einer Unterkühltheit, die an
Christian Bale in "American Psycho" erinnert.

Gekonnt, wie der in Zürich lebende Daniel Young in seinem Regiedebüt die Atemlosigkeit des
Thrillers mit der emotionalen Tiefe des Familiendramas bereichert. Da verzeiht man ihm auch
die etwas spannungslos gefilmte Verfolgungsjagd im Wald. Als langjähriger Freund von Young
hat Michael Steiner mit Kontraproduktion am Film mitgewirkt. Bleibt abzuwarten, ob das
fortwährende Drama um Steiners "Sennentuntschi" ein eindeutigeres Happy End widerfahren
wird, als Young es sich für "Pinprick" ausgedacht hat.
Stefan Strittmatter