von Guido Kalberer
Bei Schweizer Sportlern erfasst ihn ein «patriotisches Würgen»

Der Film «Zimmer 202» von Eric Bergkraut zeichnet ein subtiles Bild des Schriftstellers Peter Bichsel.

Man hört Peter Bichsel gerne zu. Auch weil seine Antworten die
Erwartungen regelmässig unterlaufen: Er sagt nicht das, was man
gewöhnlich so sagt. Das macht ihn und sein Schreiben originell. Ein
Schriftsteller und Intellektueller, der es sich nicht nehmen lässt, selbst zu
denken, auch wenn es nicht opportun ist. «Ich bin immer noch Sozialist
mit marxistischem Hintergrund», sagt er beispielsweise und blickt direkt in die Kamera von Pio Corradi.

Er sitzt auf der Treppe des Gare de l’Est und raucht eine Zigarette nach der anderen. Nach der Wirtschaftskrise habe
man von der Notwendigkeit eines Wandels gesprochen, doch passiert sei nichts – schon beim ersten leisen
Aufschwung sei der Ruf nach Änderungen verstummt. Nur eine Katastrophe könne wirklich etwas in Gang bringen,
aber vor einer solchen habe er grosse Angst: Sie sei letztlich unberechenbar. Solche dialektischen Drehungen und
Wendungen verraten den wachen Geist Peter Bichsels. Einfache Rezepte und vorgefertigte Ideen haben es da sehr
schwer.

Eric Bergkraut wollte nicht einfach ein Filmporträt des Schweizer Schriftstellers drehen, das ihn in seiner vertrauten
Umgebung in Solothurn und den obligaten Beizen zeigt. Er wollte mit dem befreundeten Autor etwas unternehmen,
was noch niemand gemacht hatte – eine Reise nach Paris, in eine Stadt, die Peter Bichsel gut kannte, wenngleich nur
aus Büchern. Mit diesem Vorschlag stiess der Regisseur zuerst auf Jura-Granit, doch dann meldete sich Bichsel, um
die Sache noch einmal zu besprechen. «Zimmer 202. Peter Bichsel in Paris» ist der Beleg dafür, dass sie sich einigen
konnten. «Erst als Peter den Zug in Basel bestieg, war ich mir sicher, dass das Projekt klappen würde», sagt der
Regisseur («Letter to Anna», «Coca, die Taube aus Tschetschenien», «Agota Kristof») in seinem Atelier im Zürcher
Binz-Areal, wo die letzten Feinarbeiten am Film vorgenommen wurden.

Angst um die Stimme

Auf der Bahnfahrt erinnert sich Peter Bichsel an seine Kindheit. Da er häufig gehänselt wurde wegen seiner nasalen
Aussprache, wollte er sich einer Nasenoperation unterziehen. Doch im letzten Moment entzog er sich dem Messer.
«Hast du Angst?», fragte der Arzt. Nein, sagte der Junge, er fürchte bloss, seine Stimme zu verlieren. Und diese
Stimme hat sich Bichsel auch als Autor erhalten: Sie ist eigenständig und eigenwillig in der Schweizer
Literaturlandschaft, eine geerdete Stimme, die über Geerdetheit gescheit erzählen kann: «Ich habe meine Heimat dort,
wo ich meinen Ärger habe.» Und wenn er sehe, dass ein Schweizer Spitzensportler, sei es beim Tennis oder bei
Radrennen, ganz oben auf dem Treppchen stehe, erfasse ihn ein «patriotisches Würgen».

Erklären lasse sich diese Begeisterung nicht, da die Formel «Federer ist ein Schweizer, ich bin ein Schweizer, also
sind wir gleich» etwas primitiv sei. Der Schriftsteller, der am 24. März seinen 75. Geburtstag feiern wird, schmunzelt
sanft, während er das sagt – den lebendigen Widerspruch liebt er so sehr, wie er die Humorlosigkeit ablehnt.

Kettenrauchen

Paris, der Sehnsuchtsort, bleibt so gut wie ungesehen (auch die Tour de France, die just in jenen Tagen durch die
Strassen der Kapitale der Grande Nation fährt, verfolgt Bichsel am Hotelfernseher). Peter Bichsel verbringt die sechs Filmtage im oder rund um den
Gare de l’Est – nur ganz am Schluss, angeregt von Rilkes Dichtung, wagt er sich raus in die Stadt, in den Jardin du
Luxembourg, um das Karussell zu sehen, das der Lyriker beschrieben hat. «Ich brauche Paris eigentlich nicht, aber
dieses Pferd schon», und Bichsel zitiert: «Und dann und wann ein weisser Elefant.» Nur den Gare de l’Est liebe er
inzwischen auch in der Realität, sagt er, und er gönnt sich eine weitere Parisienne (so viel wie in «Zimmer 202»
wurde schon lange nicht mehr geraucht in einem Film).

Ein anderer Raucher – allerdings mit anderem Selbstbewusstsein – habe ihn mit seiner Professionalität häufig fast
erschreckt. «Du bist einer, der meint, im Herbst werden die Blätter schön farbig und fallen für deine Romane runter»,
habe er Max Frisch einmal gesagt. Doch sie fallen, so Bichsel nüchtern, auch ohne Bücher von den Bäumen. In
Rückblenden sieht man Frisch in seiner souveränen Pose als Redner und einige historische Fernsehaufnahmen mit dem
jungen Bichsel, der verhalten, fast schüchtern auf Fragen der Interviewer antwortet. Der Film blickt zurück ins
Zeitalter des Schwarzweissfernsehens, als der Primarlehrer mit dem Bändchen «Eigentlich möchte Frau Blum den
Milchmann kennenlernen» seinen Durchbruch als Autor feiern konnte.

Kurzer Gang zum Bistro

«Zimmer 202» berührt immer wieder das zentrale Thema im Werk von Peter Bichsel: Das Erzählen muss dringend am
Leben erhalten werden. «Nur das Leben, das man sich selbst erzählen kann, ist ein sinnvolles», lautet sein Credo. Ja
noch mehr: «Erzählen ist notwendig zum Überleben.» Der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt siedelt das
schmale Werk von Bichsel auf dem höchsten Niveau des modernen Erzählens an. Diesen heissen Kern umkreist der
Film, indem er in poetischen Bildern und Tönen (Musik von Sophie Hunger) etwa nachts im geschlossenen Bahnhof
eine Geschichte erzählt: die Geschichte eines Mannes, der sich seinen Radius selbst definiert, in dem er sich entfaltet.
Als einer, der aufmerksam schaut, aber nicht wie ein Detektiv oder Polizist beobachtet («wenn man beobachtet, sieht
man gar nichts»): der weite Blick aus dem Hotelfenster auf die belebten Strassen, der kurze Gang zum Bistro, der
Rundgang um den Bahnhof.

Die Geografie dieser kurzen Distanzen scheint der kleinen literarischen Form, die Bichsel meisterhaft beherrscht, zu
entsprechen. In Paris trifft er auf Solothurn. Auch hierin ist er ein zutiefst schweizerischer Autor. (Tages-Anzeiger)
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